Das Duft-Imperium aus Winterthur: Was hinter dem rasanten Aufstieg von Gisada steckt

Er beschäftigt über 100 Angestellte und engagiert Fussballstar Alisha Lehmann als Werbepartnerin. Arben Ademis Karriere hat mit umstrittenen Geschäften in der Telecombranche begonnen. Über eine Erfolgsgeschichte mit Nebengeräuschen.

Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit Valérie Jost und Mario Stäuble.



Das Logo mit dem Flügel ist überall. Auf den digitalen Werbescreens in Schweizer Bahnhöfen, auf einem speziell bemalten Zürcher Tram, in Dutzenden Werbeclips auf Social Media: das Emblem von Gisada. Auf Instagram oder Tiktok werden Clips der Schweizer Parfümmarke millionenfach ausgespielt. Der bekannteste: Das Model Jeremy Meeks riecht mit geschlossenen Augen an einem Parfümflakon. Meeks ist als «Hot Felon» – als «heisser Schwerverbrecher» – weltberühmt geworden. Die Model-Weltkarriere des Amerikaners startete mit einem viralen Verhaftungsfoto. Gisada hat ihn als Werbepartner ausgewählt.



Betritt man eine Parfümerie wie Marionnaud oder Douglas, entdeckt man den «Gisada-Flügel» sofort: «Ambassador Man», «Ambassadora», «Donna», «Uomo», «Titanium» heissen die Düfte, die Parfüms kosten zwischen rund 85 und 250 Franken. Gisada gehört laut Marketingvideos von Marionnaud und Douglas zu den beliebtesten Anbietern im deutschsprachigen Markt. «Ambassador Man» übertrumpfe sogar Kassenschlager wie «One Million» oder «Boss Bottled», sagt Douglas-Sprecher Yassin Hamdaoui in einer Aufnahme eines Promo-Events im Mai 2025.

Auf dem Zürcher «Gisada-Tram» prangt überlebensgross ein Bild des britischen Boxers und zweifachen Schwergewichts-Weltmeisters Anthony Joshua – ein weiterer Prominenter, der für Gisada wirbt. Gebucht hat Gisada das Tram laut den VBZ für sechs Monate. Kostenpunkt: rund 300’000 Franken. Wer einen Gisada-Duft kaufen will, dem hilft das Tram weiter: «Visit our Store, Bahnhofstrasse 93» steht da. Der Shop befindet sich gleich beim Hauptbahnhof.


Foto: Jonathan Labusch



Auch Taschen, Kleider und Duftkerzen sind inzwischen mit dem Flügel-Logo erhältlich. Kein Zweifel, Gisada, die junge Schweizer Parfümmarke, die noch vor zehn Jahren niemand kannte, ist gerade überall.

Wie kommt das? Wer hat das Unternehmen aufgebaut? Und wie konnte es so schnell wachsen?

Wer diesen Fragen nachgeht, stösst auf die Geschichte eines jungen Geschäftsmanns, der aus den Untiefen der Telekommunikationsbranche mit viel Beharrlichkeit und unkonventionellen Ideen den Sprung ins Parfümbusiness schaffte. Und der noch viel mehr erreichen will.

Es ist aber auch eine Geschichte mit Nebengeräuschen. Arben Ademi, der Kopf von Gisada, war früher wegen der Akquisemethoden seiner Telecom-Firmen immer wieder in den Medien – aber dazu später mehr.

Angefangen hatte Arben Ademi mit einem Onlineshop

Ademi ist Gisadas CEO. Auf eine Anfrage dieser Redaktion, ihn für ein Gespräch zu treffen, sagt er ab. Später antwortet er schriftlich auf Fragen: Ursprünglich habe er eine Fashionmarke aufbauen wollen. Mode sei aber sehr saisonal, neue Kollektionen würden hohe Investitionen in kurzen zeitlichen Abständen erfordern. Bei Parfüms sei das anders – ein erfolgreicher Duft könne Menschen viele Jahre begleiten.

In einem aktuellen Promovideo erzählt er – Anzug, weisse Sneakers, gegelte Haare, dichter Bart – auf Englisch seine Geschichte: 2013 habe er Gisada mit «nichts als einem Traum und Entschlossenheit» gegründet. 

Sein jüngerer Bruder, Sadula Ademi, ist von Beginn weg mit dabei. Die Firma hinter Gisada, die Swiss Fragrance GmbH, ist seit März 2013 an der Steigstrasse 26 im Niemandsland von Winterthur Töss domiziliert, nahe der gleichnamigen Autobahnausfahrt. Die eigentliche Produktion der Parfüms befindet sich heute ungefähr einen Kilometer stadteinwärts in einem Gewerbepark zwischen der A1 und dem Flüsschen Töss.

Sein Bruder sei heute noch aktiv, sagt Arben Ademi, als «kreativer Kopf» der Firma. Das Wort aber führt er, Arben. Die Wurzeln des Unternehmens liegen im Onlineshop Parfumex.ch. Die Ademis verkaufen ab 2014 dauerhaft reduzierte Parfüms und Pflegeprodukte von Luxusmarken wie Dior, Lancôme und Cartier.

Von Parfumex ist heute nicht mehr viel zu finden. Das sei beabsichtigt, sagt Ademi: Parfumex sei von Anfang an als Plattform für Gisada gedacht gewesen und deswegen nur bis zur Lancierung betrieben worden. «Nach dem erfolgreichen Start der Marke haben wir den Fokus auf Gisada gelegt und den Shop deshalb schrittweise eingestellt.» Die ersten Gisada-Parfüms, «Uomo» und «Donna», konnte man auf Parfumex noch kaufen.

Durchbruch mit «Ambassador Man»

Vier Jahre lang, zwischen 2013 und 2017, habe er nebst dem Betrieb des Onlineshops am ersten Gisada-Duft gearbeitet. Sein Team und er hätten «unermüdlich» daran getüftelt, «Tag und Nacht», sagt er dazu im Promovideo. Erst als das Parfüm perfekt gewesen sei, hätten sie es lanciert. Konzipiert wurde das Parfüm vom bekannten Zürcher Parfümeur Andreas Wilhelm. Der spricht im Video von «unzähligen Versuchen», bis der Duft endlich passte.

Ademi präsentiert «Uomo» und «Donna» den Parfümhändlern in Europa. Die meisten sagen ab, manche antworten nicht einmal. Zu wenig bekannt, erklärt Ademi im Promo-Clip. Zu wenig etabliert. Also lässt er seine Leute in grossen Städten «direkt zu den Leuten» gehen – um Passantinnen und Passanten an Parfümteststreifen schnuppern zu lassen. Das soll die Nachfrage ankurbeln. Einer dieser Passanten soll ausgerechnet ein Vertreter von Marionnaud gewesen sein. Der habe sich mit ihm getroffen und ihm eine Platzierung in Filialen der Parfümkette angeboten, sagt Ademi. «Und so hats dann begonnen.»

Aber der richtige Durchbruch kommt erst zwei Jahre später, mit einem neuen Duft: «Ambassador Man». Damit landen die Ademis einen Treffer. Dies, obwohl es äusserst anspruchsvoll sei, in die Parfümbranche einzusteigen, sagt Marken- und Marketingexperte Marco Casanova, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Wenn man nicht schnell genug einen signifikanten Umsatz damit erzielt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man umgehend aus dem Sortiment genommen wird.» Wer also seinen Duft etablieren wolle, müsse dies bei der Lancierung des Duftes «mit genügend Power» tun.

Ademis Familie ist in Nordmazedonien verwurzelt, er selbst wuchs in Winterthur auf. In dieser «Büezerstadt» lerne man, «mit den Händen und dem Herzen» zu arbeiten. Solche Werte hätten ihn und seine Arbeit geprägt.

Gisada ist auf Tiktok und Instagram erfolgreich

Emilio Leon, Vertriebschef bei Marionnaud, sieht den Grund für den Gisada-Erfolg vor allem beim Marketing. Das Unternehmen sei gut darin, sich an die sozialen Netzwerke anzupassen, sagt er im Promovideo. Auch laut Marco Casanova spielt die Social-Media-Strategie vor allem bei Tiktok, aber auch bei Instagram im Gisada-Marketing eine entscheidende Rolle. Auf Instagram folgen Gisada 127’000 Personen, auf Tiktok weisen einige Gisada-Videos Dutzende Millionen Views auf.

Als Werbegesichter für seine Parfüms setzt Gisada gezielt auf Social-Media-Persönlichkeiten. Neben «Hot Felon» Jeremy Meeks und Boxer Anthony Joshua werben beispielsweise auch das argentinisch-spanische Model Georgina Rodriguez, langjährige Liierte des Fussballspielers Cristiano Ronaldo, sowie Profifussballerin Alisha Lehmann für die Parfüms. Fussballaffin ist Gisada ohnehin: Aktuell sponsert das Unternehmen den FC Basel, das Logo prangt hinten auf den Trikots über den Spielernummern. 

Foto: Georgios Kefalas (Keystone)



Doch wie gut sind die Parfüms wirklich? Online finden sich für «Ambassador Men» neben vielen begeisterten Rezensionen – «der wahre Duft eines Mannes» oder «süss-fruchtig mit ausgeprägter Mango-Note» – auch einige kritische; das Parfüm sei ein «schlechter Abklatsch von Dior Sauvage» oder hätte «viel zu viel verschiedene Duftnoten».

Für Mayumi Matthaeus, Inhaberin der Zürcher Parfümerie Süskind, sind die Parfüms klar «kommerziell». Die Konzeption sowie der Verkauf von Gisada seien so ausgerichtet, dass sie einem breiten Publikum gefallen sollen.

Suissephone, nicht Swisscom

Auf das breite Publikum zielte Ademi bereits mit seinen ersten Firmen – allerdings in einem ganz anderen Sektor: Telekommunikation. Er gründete mehrere GmbH, die bekannteste davon im Jahr 2005 im Alter von 19 Jahren: die Suissephone Communications GmbH. Diese Firma sorgte wegen ihrer telefonischen Akquisemethoden mehrfach für negative Schlagzeilen. Eine zentrale Rolle spielte dabei, dass «Suissephone» ähnlich wie «Swisscom» klingt.

Die Firma bot potenziellen Kunden – laut einer Quelle aus der damaligen Telecombranche viele Ältere, viele mit Wurzeln im Balkan – unter anderem sogenannte Preselection-Telefonie an. Eine Methode, um via Drittanbieter günstiger telefonieren zu können. Wobei es für Kunden bisweilen schwer zu verstehen war, was sie am Telefon genau abgeschlossen hatten. So berichteten es das Westschweizer Fernsehen RTS in ihrer Sendung «A Bon Entendeur» (2011 und 2016), der « Beobachter» (2013 und 2019), die SRF-Sendung « Espresso» (2014) und der « Kassensturz» (2017). Der «Blick» griff 2019 das Thema und den Konnex zu Gisada auf.

Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft wurde wegen der Suissephone tätig: Nachdem zahlreiche Beschwerden eingegangen waren, reichte das Seco im November 2014 eine Zivilklage wegen unlauteren Wettbewerbs am Handelsgericht Zürich ein. Im Verlauf des Verfahrens einigte man sich auf einen Vergleich.

Suissephone verpflichtete sich, am Telefon eine klare Abgrenzung von Swisscom vorzunehmen. Und klarzustellen, dass auch nach Vertragsabschluss der Swisscom-Anschluss bestehen bleibe. Auch die Ombudscom, die Schweizer Schlichtungsstelle für Telekommunikation, lernte die Suissephone kennen. Mehrere Hundert Betroffene stellten bei ihr ein Schlichtungsbegehren, wie öffentlichen Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts zu entnehmen ist. 

Die Schlichtungsgebühren pro Kunde, die das Unternehmen jeweils zahlen musste, beliefen sich laut Ademi auf über 1000 Franken. Deswegen, sagt er heute auf Anfrage, habe er sich auch oft dagegen gewehrt. Die Gebühren der Ombudscom seien «völlig unverhältnismässig» gewesen. «Für ein kleines Telecomunternehmen wie unseres war das nicht tragbar.» Oft habe das Schlichtungsverfahren nur Rechnungen über wenige Dutzend Franken betroffen.

Arben Ademi will die Firma Suissephone «beenden»

Mindestens sieben Schlichtungsbegehren zog Suissephone deswegen bis zum Bundesverwaltungsgericht weiter. Das Unternehmen verlor diese Fälle – aus den Entscheiden geht hervor, dass dadurch insgesamt über 33’000 Franken Schlichtungsgebühren inklusive Verfahrenskosten fällig wurden. Bereits 2012 reichten der Westschweizer und der Tessiner Konsumentenschutz gegen Suissephone wegen Verdachts auf unlauteren Wettbewerb Strafanzeige ein. Doch das Unternehmen wurde vom Strafgericht Bellinzona freigesprochen. Vom Gericht erhielt Ademi eine Entschädigung von über 30’000 Franken zugesprochen.

Heute weist Arben Ademi darauf hin, dass damals das Gericht ausdrücklich festgehalten habe: «Es bestehen keine Beweise für eine Täuschung der kontaktierten Verbraucher.» Und ergänzt: «Es wurde gerichtlich und rechtskräftig festgestellt, dass die damaligen Vorwürfe haltlos waren.» 

Ademi sagt, dass die Suissephone und seine weiteren Telecomfirmen heute noch existieren, weil sie laufende Verträge mit langjährigen Kunden hätten. Sobald die Verträge auslaufen, sollen die Firmen «beendet» werden. Seit 2017 gebe es keine aktive Vermarktung oder Neukundengewinnung mehr.

Gibt es eine finanzielle Verbindung zwischen Gisada und den Telecomfirmen? Ademi verneint: «Meine Unternehmen waren stets unabhängig voneinander aufgebaut, jedes mit eigener Struktur und Finanzierung.» Rückblickend auf die Zeit als Telecomgeschäftsmann sagt er: «Es war eine sehr prägende und lehrreiche Zeit. Ich war erst 19 Jahre alt, als ich die Suissephone gründete, und trat damals gegen etablierte Telecomunternehmen an.» Er habe früh gelernt, «gross zu denken und Herausforderungen anzunehmen». Heute sei er «nicht mehr operativ» im Telekommunikationsbereich tätig.

Gisada ist aktiv in «über 90 Ländern»

Heute erfordert das Parfümgeschäft Ademis ganze Aufmerksamkeit. Er betont, dass Gisada in Winterthur über 100 Arbeitsplätze geschaffen habe. Am Zukunftstag lädt er Kinder ein, die bei Gisada in Laborkleidung mit Pipetten experimentieren dürfen. Und das Unternehmen wächst und wächst.

Der genaue Jahresumsatz des Unternehmens ist nicht bekannt, seit Juni 2024 unterzieht sich die Swiss Fragrance GmbH aber einer ordentlichen Revision. Eine solche Prüfung ist erst ab einem Umsatz von mindestens 40 Millionen Franken in zwei aufeinanderfolgenden Geschäftsjahren notwendig. Gisada selbst hält in einer Präsentation fest, man sei in über 90 Ländern aktiv.

In Zukunft will Ademi Gisada als globalen Player etablieren. Zwei neue Düfte, an denen er und seine Leute über längere Zeit gearbeitet haben, sollen den Markteintritt in den USA und in Asien einleiten. Für die dazugehörige Kampagne seien «bekannte Hollywood-Persönlichkeiten» vorgesehen, sagt Ademi.

Auch sei eine stärkere Ausrichtung auf den Bereich Fashion geplant. Der Gisada-Flügel soll also ganz neue Felder erobern. Kürzlich hat das Unternehmen eine Stelle als Schuhdesigner ausgeschrieben.