Seine Parfüme verkaufen sich hervorragend, seine Firma sponsert den FC Basel. Doch nach Polizeierkenntnissen finanzierte Arben Ademi früher radikale Koranverteiler. Er bestreitet dies.
Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit Thomas Knellwolf.

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«2013 startete ich Gisada mit nichts als einem Traum und dem Willen zum Erfolg», schwärmt Arben Ademi in einem Promovideo. «Ich wollte etwas Aussergewöhnliches kreieren. Etwas, das Menschen auf der ganzen Welt berührt.»
Der Traum ging in Erfüllung: Gisada ist heute, nach rasantem Aufstieg, ein beachtlicher Schweizer Akteur im umkämpften Parfümmarkt. Die Firma wirbt auf Trams in Zürich und auf den Trikots des FC Basel.
Bislang nicht bekannt ist eine andere Seite des Gründers und seines Bruders: Parallel zum Aufbau des Duftimperiums beteiligten sie sich in der Schweiz an der Koranverteilungsaktion «Lies!». Darauf deuten Ermittlungen der Schweizer Bundeskriminalpolizei (BKP) hin, die zu Fedpol gehört, sowie Recherchen des Tamedia-Recherchedesks und von CH Media.
«Lies!» wollte ebenfalls Aussergewöhnliches kreieren: Hinter seinem deutschen Trägerverein «Die wahre Religion» standen Prediger, die dem radikalen Islam auch zum Durchbruch verhelfen wollten.
Vom «Lies!»-Stand in den Tod
Ab 2012 war «Lies!» in Schweizer Einkaufsstrassen mit Ständen präsent, insbesondere in Winterthur, wo sich eine starke islamistische Szene bildete. Es war die Zeit, in der sich die Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien und im Irak etablierte.
«Lies!» diente auch der Rekrutierung für den IS. 140 junge Männer, die zuvor bei den Standaktionen mitgemacht hatten, begaben sich laut deutschem Innenministerium zur terroristischen Truppe. Aus Winterthur und Umgebung sind mehrere solche Fälle bekannt. Viele Jihadreisen endeten im Gefängnis oder mit dem Tod.
Arben Ademi hält in einer Stellungnahme fest, er habe mit der Koranverteilung nichts zu tun gehabt: «Ich selbst war in der Bewegung «Lies!» nie aktiv und habe auch nie etwas für die Organisation finanziert. Ich bin Fashion- und Lifestyleunternehmer und habe mit extremistischem Gedankengut gar nichts zu tun.»
Die BKP bezeichnet Arben Ademi aber in einem Ermittlungsbericht als «Sponsor LIES Projekt». Er habe die Koranverteilungsaktion «mit bedeutenden Geldbeträgen» unterstützt, hält sie an einer anderen Stelle in Akten der Strafprozesse gegen verschiedene Winterthurer IS-Unterstützer fest.
Arben Ademi schreibt, er sei «schockiert», dass sein Name in BKP-Akten geführt werde: Er sei noch nie im Zusammenhang mit salafistischen und islamistischen Aktivitäten Dritter polizeilich befragt worden. «Auch wurde nie ein Verfahren gegen mich diesbezüglich eröffnet», heisst es in seiner Stellungnahme. «Es gab meinerseits keine Geldspende für Korane.» Die unterstellten Sachverhalte seien «alle unwahr und mutmasslich genau deshalb nie Gegenstand eines Verfahrens gegen mich geworden».
Die Vorwürfe der BKP stammen aus Strafverfahren gegen Deutschschweizer IS-Unterstützer. Dabei geht es um den Zeitraum von 2013 bis 2016, aber nicht um das Unternehmen Gisada, sondern um die parallelen Aktivitäten der Firmengründer.
Eine der Schlüsselpersonen der Winterthurer Islamistenszene sowie bei «Lies!» kam in den Jahren 2020 und 2021 vor das Bundesstrafgericht: Sandro V. Er war einst in Winterthur in dieselbe Schule wie Ademi gegangen. Er wurde wegen IS-Unterstützung zu 36 Monaten Gefängnis verurteilt.
Arben Ademi sagt, er sei mit V. nie befreundet gewesen und er habe «seit der Primarschule kaum Kontakt zu ihm».
«Zweck: Bekehrung von Ungläubigen»
Die Erkenntnisse der BKP zu Ademi beruhen weitgehend auf sichergestellten Textnachrichten. Gemäss Verfahrensakten begann Ademis finanzielle Unterstützung für «Lies!» spätestens im Juli 2013. Sandro V. schrieb damals via Whatsapp einem nahen Verwandten Ademis: Man habe eine Sitzung gehabt, und «Lies!» sei angenommen worden als Teil des «Fünf-Säulen-Projekts von Arben», Zweck: Bekehrung von Ungläubigen, «Startkapital 15’000.–», «Arben will das Geld nicht zurück».*
Arben Ademi selbst nahm gemäss eigenen Angaben nie an Koranverteilungen teil. Eine Videoaufnahme aus dem Jahr 2013 zeigt ihn allerdings neben einem «Lies!»-Stand in der Zürcher Bahnhofstrasse.
Ademi sagt, er habe an der Standaktion «nicht aktiv teilgenommen». Er sei während kurzer Zeit als Passant danebengestanden.
Einer seiner Brüder, der seit der Entstehung bei Gisada eine führende Rolle innehat, sowie der erwähnte andere nahe Verwandte machten, wie Bilder belegen, beim Koranverteilen mit. Im Oktober 2013 liess sich der Bruder zusammen mit Sandro V. in den weissen Gewändern der «Lies!»-Verteiler und mit erhobenem Zeigefinger vor dem Casino in Bern fotografieren.

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Der Bruder schreibt dazu in einer Stellungnahme, er habe «nur ab und zu mal mitgemacht bei einer genehmigten Standaktion». Und mit Blick auf Sandro V.: «Leider war es damals schwierig, vorauszusehen, dass jemand in der Zukunft eine Straftat begehen wird, und die Teilnahme mit ihm war weit vor dieser Zeit.» Weiter hält er fest: «Ich verurteile jegliche Art von Extremismus und distanziere mich in aller Form von extremistischem Gedankengut.»
«Ziegenprojekt» in Sarajevo?
Sandro V. begab sich im November 2013 gemäss einem BKP-Rapport mit einem Dienstwagen einer Telecomfirma Arben Ademis nach Bosnien zum radikalen Prediger Bilal Bosnic. Es begleiteten ihn ein Niederländer aus Winterthur sowie der erwähnte nahe Verwandte Ademis. Auf dem Rückweg wurde der Mercedes mit Sandro V. am Steuer von Schweizer Grenzbeamten kontrolliert und die Insassen befragt. Sie machten geltend, sie seien wegen eines «Ziegenprojekts» in Sarajevo gewesen. Das Bundesstrafgericht nahm V. dies nicht ab, sondern ging davon aus, dass die Fahrt der Vorbereitung einer Reise zum IS gedient hatte.
V. begab sich unmittelbar nach dem Besuch beim bosnischen Prediger nach Syrien in ein Ausbildungslager islamistischer Kämpfer. Den gleichen Weg ging der niederländische Extremist. Die BKP schreibt, dass Arben Ademi jenem Niederländer «circa 6000 bis 10’000 CHF für die Reise nach Syrien mitgab». Laut Ademi ist das unwahr.
Sandro V. kehrte nach wenigen Wochen in die Schweiz zurück. Hier indoktrinierte er gemäss dem Bundesstrafgericht «gezielt und systematisch» Jugendliche und junge Erwachsene. Bei fünf Personen förderte er nachweislich den Beitritt zum IS und die Ausreise ins Kampfgebiet.
Nach der Rückkehr hatte Sandro V. Kontakt mit Arben Ademi. Gemäss sichergestellter Whatsapp-Konversation forderte Sandro V. im Mai 2014 Arben Ademi auf, 11’700 Euro für 10’000 Korane und Transportkosten zu überweisen. Die Zahlung sollte an ein Unternehmen mit spanischer Bankverbindung gehen, Verwendungszweck «Lies Stiftung Quran Druck».
Sandro V. bat rund eine Woche später, das Geld «vor Freitag» zu überweisen. Arben antwortete laut BKP-Akten: «Inshallah machemers». Auch diesen Vorwurf bezeichnet Arben als unwahr.
In der Schweiz wurde mehr und mehr Kritik an «Lies!» laut – insbesondere als ab 2014 publik wurde, dass sich mehrere Personen aus Winterthur und Umgebung dem IS angeschlossen hatten, darunter ein damals 16-jähriger Lehrling und seine ein Jahr jüngere Schwester.
In Deutschland wurde der Verein hinter «Lies!» als «verfassungsfeindlich» und «grösstes deutsches Sammelbecken jihadistischer Islamisten» verboten und aufgelöst. In der Schweiz blieb «Lies!» erlaubt. Der Kanton Zürich verhinderte aber Standaktivitäten. Städte und Gemeinden kamen seiner Empfehlung nach, «Lies!»-Aktionen nicht mehr zu bewilligen.
Chats aus der An’Nur-Moschee
Im November 2016 kam es in der An’Nur-Moschee in Winterthur zu einem Übergriff auf zwei Männer, die als Spitzel verdächtigt wurden. Die beiden Opfer wurden von einer ganzen Gruppe mehrheitlich junger Islamisten angegriffen, gefoltert und verletzt. Zudem wurden sie gezwungen, ihre Handy-Passwörter herauszugeben, worauf die Angreifer die Nachrichten auf den Geräten auswerteten.
Es zeigte sich, dass eines der Opfer Informationen über die Finanzen und einen «Emir» von «Lies!» aus Winterthur gesammelt hatte.
Arben Ademi, der nicht an dem Übergriff beteiligt war, muss zeitnah von Konversationen auf den Handys der Opfer erfahren haben. Denn er tauschte sich gemäss Akten aus einem weiteren Strafverfahren sogleich mit einem in die «Lies!»-Aktion involvierten Aargauer darüber aus. Dieser beteuerte, er habe nur preisgegeben, wo die Korane sich befänden (das Lager war in Winterthur), aber keine Namen genannt.
Arben Ademi wies den Aargauer an: «Bitte nie und bei niemandem meinen Namen erwähnen.»*
* Übersetzt aus dem Schweizerdeutschen.