Laura Leupi zeigt, wie schonungslos wir über Vergewaltigungen sprechen könnten

Das Buch «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt» wird seit einem Jahr gefeiert. Jetzt folgt der Schweizer Literaturpreis. Wer ist die Person, die dem Unaussprechbaren eine Sprache gibt?

Foto: Jonathan Labusch

«Vergewaltigung. Können Sie das Wort unbefangen aussprechen? Wie stellen Sie sich mich vor, jetzt, da Sie wissen, dass ich vergewaltigt wurde?»

Der Ton des Buches ist schonungslos, die Beschreibungen fahren ein. «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt» von Laura Leupi ist keine leichte Lektüre.

Eine Ich-Person versucht mit ihrer Vergewaltigung einen Umgang zu finden. Manchmal kann sie nicht aufstehen, wird vom Schimmel im Badezimmer oder ihrer eigenen Körperbehaarung überwältigt. Alle paar Seiten werden die Erzählungen von einem Alphabet unterbrochen. A steht für «Angst», S für «Sex», «Scham», Z für «Zuhause».

Foto: Scan «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt»


Erschienen ist das Buch bereits im März 2024. Leupi wurde seither mehrfach ausgezeichnet: Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung erhielt Laura Leupi den renommierten 3sat-Preis am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, es folgte ein Anerkennungspreis von 10’000 Franken des Kantons Zürich. Nun wird das Literaturtalent mit 28 Jahren vom Bundesamt für Kultur mit dem Schweizer Literaturpreis prämiert – und damit mit einem Preisgeld von 25’000 Franken.

Die Sprache und der Zeitgeist

Das Buch erkunde die Konturen eines Themas, das «schier überbordend und unfasslich wirkt», schreibt das Bundesamt für Kultur in seiner Laudatio. Das betonen auch deutsche Medien: Der Text schaffe es, jenen Themen einen Raum zu bieten, bei denen man eigentlich kurz stocke, schreibt der «Spiegel» in seiner Rezension.

«Mir gefiel die Idee, für etwas Unaussprechbares, für etwas, mit dem man gesellschaftlich um Worte ringt, etwas so Sprachliches wie das Alphabet zu verwenden», sagt Laura Leupi im Gespräch in Zürich. Leupi spricht überlegt und präzise, stets mit einem Hang zu literaturwissenschaftlichen Begriffen, wohl dem Germanistikstudium geschuldet. Der systemkritische Blick bleibt während des ganzen Gesprächs spürbar.

So sei das Preisgeld zwar sehr ehrend und eine willkommene «Verschnaufpause»; es biete Zeit und Raum, sich wieder aufs Schreiben konzentrieren zu können. Andererseits sei es «natürlich irritierend», dass Kulturschaffende überhaupt auf solche Preisgelder angewiesen seien.

Selbst weiss Leupi um die Relevanz der Sprache im Zeitgeist – die Person identifiziert sich als nicht binär und verwendet keine Pronomen. Dem sei ein langer Selbstfindungsprozess vorangegangen, der aber nicht weiter öffentlich thematisiert werden soll: «Ich möchte nicht ausschliesslich als nicht binäre Person gesehen und gelabelt werden.» Heutzutage passiere es schnell, dass man darauf reduziert werde. «Meine Geschlechtsidentität ist in meiner restlichen Person integriert. Ich mache ja auch noch andere Dinge.»

Sexualisierte Gewalt in den eigenen vier Wänden

Dazu gehört das Schreiben. Leupi ist in Zürich geboren und aufgewachsen und hat Kulturanalyse und Theaterwissenschaften in Zürich, Bern und Giessen in Hessen studiert. Seit 2016 ist die Person nebst dem Studium in verschiedenen Schweizern Theatern tätig, zurzeit auch am Theater Basel im Rahmen der sogenannten Hausautorenschaft. Leupi schreibt also viel und schon lange – aber ein eigenes Buch war eigentlich nicht geplant.

Der Text entstand 2022 im Rahmen einer künstlerischen Arbeitsresidenz im Toggenburg. Leupi bewarb sich im Lockdown dafür, während «einer persönlichen Totalkrise». Als kunstschaffende Person sei die Pandemie eine besonders unsichere Zeit gewesen – Aufführungen wurden gestrichen, Projekte abgesagt. Man habe nicht gewusst, wie das kulturelle Leben weitergehen solle. «Ich wollte nicht warten, sondern selber wieder ins Schaffen kommen», sagt Leupi heute. «Ich musste auch einfach aus meinen eigenen vier Wänden raus.»

Foto: Jonathan Labusch

In besagter Residenz beschäftigte sich Leupi aber weiterhin mit den eigenen vier Wänden – denn im Toggenburg, so die Anweisung der Organisatoren, sollten Arbeiten zum Thema «Home» entstehen. Schnell wurde für Leupi klar, dass das Projekt mit sexualisierter Gewalt zu tun haben muss. Denn statistisch gesehen geschehen die meisten Übergriffe im Zuhause des Opfers.

Auch sei sexualisierte Gewalt kein komplett fremdes Thema. «Als weiblich sozialisierte oder queere Person wird man zwangsläufig damit konfrontiert», sagt Leupi. «Ich wollte mich mit der Frage beschäftigen, wie man sich an einem Ort, an dem man so etwas erfahren hat, noch zu Hause fühlen kann.»

Darin liegt auch das Dilemma der Ich-Person im Buch. Immer wieder kehrt sie zum Ort der Tat zurück, beschreibt das eigene Zimmer, das bald nur noch aus Haaren besteht. Der Weg vom Bett in die Küche gleicht irgendwann einer beschwerlichen Wanderung.

Gleichzeitig sträubt sie sich gegen die Fremdzuschreibung als Opfer. «Wenn ich das Wort Vergewaltigung ausspreche, habe ich schon verloren: das arme Mädchen», schreibt die Ich-Person und spricht die Leserschaft damit direkt an. «Ihr Blick macht mich erneut zur Frau, macht mich erneut zum Objekt.»

Laura Leupi sagt: «Man findet mich im Buch»

So hinterfragt das Buch die Geschlechter- und Rollenverteilung bei Vergewaltigungen: männlicher Täter, weibliches Opfer. Das sei auch Teil des klassischen Schemas einer Vergewaltigung, dem sogenannten «rape script». Fälle, die diesem nicht entsprechen, werden oft nicht registriert. «Ich musste mich selbst auch fragen, wo ich da hingehöre», sagt Leupi. «Ich bin kein klassisches Opfer, da ich nicht ins binäre System passe.» Das Buch sei aber keinesfalls als rein autobiografisch zu betrachten. «Man findet mich im Buch. Der Text ist nicht nur Laura, aber auch Laura.»

Das binäre System schade allen – entsprechend ist der Buchstabe Q auch dem Wort «queer» gewidmet, «weil nur Queerness uns retten kann», wie im Buch steht. Der Begriff Queerness müsse nicht zwingend nur etwas mit Sexualität zu tun haben, sondern könne auch etwas Störendes bedeuten; etwas, das binäre, gesellschaftliche und zeitliche Normen aufbrechen soll.

Chronologisch sind die erzählenden Passagen im Buch nicht, es ist unklar, wann was passiert. Lineare Zeit wird kritisiert: «Ich weiss nicht genau, was ich zwischen 2017 und 2019 getan habe, und ich träume davon, alle Uhrzeiger der Welt in die Luft zu jagen», schreibt die Ich-Person. «Traumatisierte Personen erleben Zeit anders, das weiss man aus der Forschung», sagt Leupi dazu. Entsprechend sei chronologische Zeit «normativ und hegemonial geprägt». «Mein Wunsch wäre, dass man beim Lesen die eigenen, anerzogenen Normen hinterfragt. Wieso verwirrt es mich, wenn nicht chronologisch erzählt wird? Oder wieso schrecke ich bei der expliziten Erwähnung des Wortes Vergewaltigung zurück?»

Zurzeit ist ein zweites Buch in Arbeit – aber «noch nichts Spruchreifes», sagt Leupi. So steht an den diesjährigen Literaturtagen in Solothurn, wo auch die Verleihung des Schweizer Literaturpreises stattfindet, für das Schreibtalent vorerst noch das erste Buch im Vordergrund. Dieses könnte Laura Leupi in Zukunft vielleicht als Theaterstück inszeniert sehen: Denn auf der Bühne bekäme das Thema nochmals «eine andere Form von Dringlichkeit».