«Politikerinnen werden zu Hassfiguren gemacht»

Kritik gehört zur Politik dazu – doch wo beginnt persönliche Herabwürdigung? SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser, die zurzeit vermehrt medial kritisiert wird, zieht klare Grenzen.


Foto: Raphael Moser



Meret Schneider ist derzeit Zielscheibe eines Shitstorms. Neben Kritik und persönlichen Beleidigungen erhält die Grünen-Nationalrätin in den sozialen Medien auch Todesdrohungen. Gegenüber der «SonntagsZeitung» forderte sie eine strengere Regulierung der sozialen Plattformen und geriet dadurch in den Fokus rechtspopulistischer Kreise.

Ihre Amtskollegin Anna Rosenwasser wird seit Anfang Jahr ebenfalls medial kritisiert. Das Finanzportal «Inside Paradeplatz» bemängelt ihre Qualifikationen als Nationalrätin und kommentiert mehrmals ihren Körper, die «Weltwoche» kritisiert die «Frivolität», mit der sie bei einer ihrer Bundeshausführungen auf einem Ständeratstisch sass. Zudem berichten mehrere Publikationen darüber, wie sie über lesbische Fussballerinnen im Sessionsrückblick mit Tamara Funiciello sprach.

Ein Gespräch über die Linie zwischen Kritik und Beleidigung, Shitstorms und parteiübergreifende Solidarität.

Frau Rosenwasser, über Sie wird zurzeit in diversen Medien negativ berichtet. Wie ordnen Sie diese Artikel ein?

Manche der Artikel, die dieses Jahr schon über mich geschrieben wurden, thematisierten meinen Körper oder meinen Stil. All das, während ich in der SRF-«Arena» über Regulierungen sozialer Netzwerke diskutierte, gesellschaftskritische Essays publizierte und jungen Menschen jeden Tag Politik näherbringe. Da fällt mir die Einordnung nicht schwer: Gegen Frauen, die den Status quo infrage stellen, wird Empörung geschürt, um ihren Einfluss zu schmälern.

Stellt die momentane negative Berichterstattung für Sie einen persönlichen Angriff dar?

Nicht jede Kritik ist ein Angriff. Medienschaffende müssen mich kritisieren können, Bürgerinnen und Bürger dürfen mir Nachrichten schreiben – sogar hässige. Schliesslich bin ich gewählte Volksvertreterin. Aber wütende Kritik ist nicht dasselbe wie ein persönlicher Angriff. Wenn mir einer droht oder erniedrigend über mich schreibt, prüfe ich jeweils rechtliche Schritte.

Gibt es Kritik an Ihnen, die Sie als berechtigt ansehen?

An einem «Feministischen Sessionsrückblick» mit Tamara Funiciello in Aarau habe ich auf die Frage, ob ich Tickets für die Frauenfussball-EM habe, mit dem Satz geantwortet: «Ich interessiere mich nicht für Fussball, aber ich interessiere mich für Lesben, die Sport machen.» Das war unsensibel und hat Menschen verletzt. Das wäre eine geeignete Grundlage gewesen für wichtige Fragen: Wie können wir, gleichgeschlechtlich liebende Frauen, Begehren ausdrücken, ohne dabei frauenfeindliche Muster zu reproduzieren? Denn gerade als Politikerinnen tragen wir eine Verantwortung.

Würden Sie sagen, dass Sie Verantwortung dafür übernommen haben?

Ja. Ich habe mich bei denen, die ich mit der Aussage verletzt habe, entschuldigt. Und möglichst allen Menschen, die mich deswegen kontaktierten, persönlich geantwortet. Zudem haben Tamara und ich beide je Stellung bezogen: Unsere Aussagen haben Leute verletzt, und das tut uns leid. Wir hatten viel Zeit, nachzudenken, schliesslich haben die Deutschschweizer Medien vier Wochen lang darüber berichtet.

Der ehemalige SVP-Nationalrat Roger Köppel findet, dass man es als Politiker aushalten muss, wenn man beleidigt und verleumdet wird. Was sagen Sie dazu?

Diese Aussage widerspricht jeglichen Spielregeln unserer Demokratie. Wer bedroht wird, kann sich nicht frei äussern. Vor Hass und Gewalt geschützt zu werden, ist eine Grundbedingung für unser Zusammenleben. Genau deshalb brauchen wir ja faire Richtlinien auf sozialen Medien.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?

Ich beschäftige mich mit ihr, auch wenn das schmerzhaft sein kann. Wenn sie gegen meine Person gerichtet ist, versuche ich, sie in gesellschaftspolitische Mechanismen einzuordnen. Egal, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht: Weh tut sie so oder so. Ich bin kein Fan davon, mir eine dicke Haut zuzulegen. Ich bin nicht Feministin geworden, um weniger zu fühlen.

Sie sagen, sexistische Berichterstattung muss diskutiert werden. Darüber zu sprechen, gibt den Artikeln und Kommentarschreibenden aber wiederum Aufmerksamkeit.

Ja, das ist ein Dilemma. Wenn erniedrigend über mich berichtet wird, möchte ich mich einerseits wehren. Andererseits lenke ich damit die Aufmerksamkeit erneut auf das, was geschrieben wurde, und verhelfe den entsprechenden Plattformen zu mehr Klicks. Aber die erschwerten Bedingungen, denen wir Frauen ausgesetzt sind, gehen nicht von allein weg. Wir müssen sie benennen.

Gerade ist auch Meret Schneider Zielscheibe von vielen persönlichen Beleidigungen geworden.

Politikerinnen werden als Reizfiguren angesehen und zu Hassfiguren gemacht. Erst recht, wenn sie sich nichts gefallen lassen. Meine Hauptregel für Ungerechtigkeit ist: Nie allein bleiben. Wenn ich also sehe, dass eine andere Frau medial unfair behandelt wird, dann melde ich mich bei ihr. Und sie melden sich bei mir. Denn wer profitiert davon, wenn wir aufgeben?