Studierende im Aargau: «Die WG-Suche in Zürich ist eine skurrile Welt für sich»

Weil die Wohnungen in der Stadt zu teuer sind, wohnen immer mehr Studierende in angrenzenden Kantonen. Zwei Studentinnen erzählen.

Foto: Patrick Gutenberg



Gianna Schläpfer hat es wirklich versucht. Um ein WG-Zimmer in Zürich zu finden, hat die 25-jährige Studentin Plattformen wie «WG-Gesucht» durchforstet. Sie ist Whatsapp-Gruppen beigetreten, in denen Zimmer und Wohnungen vermittelt werden. Sie hat spezifische Angebote für Studierende geprüft, etwa von Juwo oder Woko. Sie hat sich für etliche Zimmer beworben. Und war doch bisher nicht erfolgreich.

Rund zehn WGs luden sie zu einem Kennenlernen ein. Doch so ein WG-Casting sei gar nicht so einfach. «Manchmal war ich mit fünfzehn anderen Bewerbenden im Raum, die die WG alle gleichzeitig kennen lernten. Und in einer halben Stunde soll ich mit allen Mitbewohnenden lange genug sprechen, mich möglichst perfekt präsentieren, aber auch authentisch bleiben.»

Von einer «krassen Asymmetrie» auf dem Stadtzürcher Wohnungsmarkt spricht Schläpfer. Auf der einen Seite befänden sich die Bewerbenden, die händeringend nach einem bezahlbaren Zimmer suchten. Auf der anderen Seite stünden die Wohngemeinschaften, die mit Anfragen überhäuft würden. Zwar verstehe sie, weshalb das Verfahren häufig mit Castings ablaufe, dennoch wirkten viele dieser Veranstaltungen auf sie künstlich: «Die WG-Suche in Zürich ist eine skurrile Welt für sich.»

Schläpfer studiert an der Universität Zürich im Master Germanistik und macht parallel dazu das Lehrdiplom. Und was sie erlebt, machen viele andere Studierende auch mit. So sagte das zumindest Unirektor Michael Schaepman im Gespräch mit dieser Redaktion. Es sei «sehr schwierig» für Studierende, eine Wohnung in der Stadt zu finden. Und die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt führe dazu, dass Studierende immer verstreuter wohnen müssten. Besonders spürbar sei die wachsende Zahl jener, die im Aargau lebten.

Gianna Schläpfer: «Eine WG in Zürich ist ein kleiner Traum»

So wie auch Schläpfer. Aufgewachsen ist sie im Aargau und wohnt derzeit bei ihren Eltern in Bremgarten. Nach Zürich in eine WG zu ziehen, sei weiterhin «ein kleiner Traum», sagt sie. «Eine Altbauvilla mit neun oder zehn Leuten, gemeinsam kochen, vielleicht sogar mit Garten, stelle ich mir echt schön vor.»

Vielleicht romantisiere sie es auch zu sehr, räumt sie ein. WG-Erfahrung bringt sie aber bereits mit: 2021 zog sie mit Freundinnen und Freunden in eine Wohnung in der Nähe von Baden. Da während der Pandemie die meisten Lehrveranstaltungen online durchgeführt wurden, war die Entfernung zur Uni kein Problem.

2024 löste sich die WG auf. Um möglichst stressfrei ein Zimmer in Zürich finden zu können, zog Schläpfer zurück zu ihren Eltern. Hier habe sie während Lernphasen Ruhe, die Pendelzeit von einer Stunde sei zudem machbar. «Ich habe auch das Privileg, ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern zu haben und hier wohnen zu können. Das haben nicht alle», sagt sie.

Als vor einem halben Jahr klar wurde, dass sie ab März ein Austauschsemester in Wien verbringen kann, pausierte sie die Suche. Danach will sie es erneut versuchen. Schläpfer sieht ihre Zukunft in Zürich: Ihr Praktikum für das Lehrdiplom absolvierte sie an einer Zürcher Schule, entsprechend ergebe es Sinn, später in Zürich zu unterrichten. «Den Traum einer WG habe ich noch nicht aufgegeben.»

Solange Jost: «Die WG-Suche in Zürich würde ich mir im Leben nicht antun.»

Foto: Patrick Gutenberg



Anders geht es Solange Jost. Die 26-Jährige ist in Lenzburg aufgewachsen und wohnt heute zusammen mit einer Freundin in Baden. Sie hat im letzten Semester an der Universität Zürich ihren Master in Neuroscience abgeschlossen, zurzeit ist sie in der universitären Forschung tätig und zieht in Erwägung, das Lehrdiplom zu machen.

Ihr Alltag spielt also in Zürich. «Aber die WG-Suche in Zürich würde ich mir im Leben nicht antun», sagt sie. Das sei auch dem dortigen Wohnungsmarkt geschuldet: Mit fremden Personen zusammenzuziehen, komme für sie nicht infrage; in ein grosses Studierendenheim zu ziehen, könne sie sich nicht vorstellen. Und zu zweit oder zu dritt eine schöne, bezahlbare Wohnung in Zürich zu finden, sei «schier chancenlos».

Für ihre Dreieinhalbzimmerwohnung mit Balkon und zwei Badezimmern zahlen ihre Mitbewohnerin und sie rund 1700 Franken. Es war die dritte Wohnung, auf die sie sich bewarben. Massenbesichtigungen wie in Zürich hätten sie nicht erlebt.

Vom Wohnzimmer bis in den Vorlesungssaal braucht sie etwa eine Stunde. In wenigen Minuten ist sie am Badener Bahnhof, von dort bringt sie der Zug zum Zürcher Stadtzentrum.

Doch Baden habe nicht nur gute Verbindungen nach Zürich zu bieten, auch sonst sei es ein attraktiver Wohnort, findet Jost. Die Nähe zum Wald gefalle ihr, auch kulturell könne die Stadt mit Zürich mithalten: Mehrere Theater, Museen und die Badenfahrt bieten sich an. Dafür gebe es weniger explizite Angebote für Studierende – etwa Studi-Partys, wie man sie vom Zürcher Plaza kennt. Doch Jost reist auch mal für ein Konzert oder eine Party in eine andere Schweizer Stadt. Weil sie eine tiefe Miete zahle, könne sie sich ein GA leisten.

Einzig das Sportangebot der Universität nutze sie als Pendlerin weniger. Beginne ein Kurs erst um 20 Uhr, sei sie erst gegen 23 Uhr zu Hause. Stattdessen trainiere sie lokal, etwa beim Badminton-Club in Wettingen.

Sie plant, längerfristig in der Wohnung zu bleiben, auch nach ihrer Zeit an der Universität. Studierende in Wohnheimen wie Juwo oder Woko müssten sich nach dem Abschluss hingegen meist auf dem normalen Wohnungsmarkt umsehen.

Ist Baden also der neue Geheimtipp für Zürcher Studierende? «So geheim ist es nicht mehr», findet Jost. Zu Vorlesungszeiten sei der Zug gut gefüllt mit anderen Studierenden. Wer sich auf das Pendeln einlasse, für den könne sich Baden durchaus lohnen.